Halberstadt und die A4 Kampfrakete - mkm

Das Konzentrationslager Langenstein - Zwieberge wurde am 11. April 1945 von amerikanischen Soldaten befreit

Ein wesentlicher Bestandteil der Kriegsführung der deutschen Wehrmacht war der Terror gegen die Zivilbevölkerung. Die A4-Kampfrakete besser bekannt unter V2 - die so genannte Wunderwaffe - wurde 1932 entwickelt und sollte spätestens 1942/1943 in Serienproduktion gehen. Auf Grund der Zielungenauigkeit der Rakete war ihr Einsatz gegen militärisch Ziele unmöglich. Sie diente ausschließlich dem Luftterror gegen die Zivilbevölkerung und wurde nur gegen große Flächenziele - Städte - eingesetzt. Auf die zunehmende Lufthoheit der Alliierten reagierten die Faschisten damit, dass sie immer mehr Produktionsstätten „kriegssicher“ verlagerten. Neben der Terrorfunktion hatte diese Waffe eine wichtige ideologische Aufgabe. Mit der Niederlage der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad vollzog sich die Wende im zweiten Weltkrieg. Mit der V2 sollte der Bevölkerung suggeriert werden, dass ein militärischer Sieg noch möglich sei. Die A4 Rakete sollte in drei verschiedenen Bereichen produziert werden. Im Frühjahr 1942 wurde das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt gegründet. Durch dieses Amt wurde der massenweise Zwangseinsatz der KZ Häftlinge in der deutschen Wirtschaft  - insbesondere in der Rüstungsproduktion - geplant und organisiert. In ihm wurde das Projekt BII mit dem Tarnnamen „Malachit“ entwickelt. Realisiert werden sollte es in den Thekenbergen von Halberstadt. „BII“ bedeutete die Verlagerung eines Teils der Zulieferindustrie(„B“) für das Konzentrationslager Mittelbau - Dora nach Halberstadt. Deshalb kann mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass im „Malachit“ Maßnahmen für das Jäger- und das A4 Programm durchgeführt werden sollten. Die Leitung hatte ein Baustab Heese.  Firmen, wie AEG Siemens, die Deutsche Reichsbahn, Tiefbau Magdeburg als auch die Junkerswerke (Außenstelle Halberstadt) und Krupp, waren daran beteiligt. Das ist in Kürze die Vorgeschichte des Konzentrationslagers Langenstein Zwieberge bei Halberstadt. Die Häftlinge hatten die Aufgabe einen Stollen für die Rüstungsindustrie zu graben und wurden zusätzlich in den Junkerswerken in Halberstadt eingesetzt. Im April 1944 wurde mit der Errichtung des Konzentrationslagers und dem Bau am Stollen begonnen. Beides wurde gleichzeitig durchgeführt. Am Tage mussten die Häftlinge den Stollen graben und am Abend das Lager aufbauen. Nach dem sich die verschiedenen Orte als nicht ausreichend erwiesen hatten, wurde das eigentliche Lager ca. 1 km entfernt von Langenstein im Juli 1944 eingerichtet. Dort befindet sich auch heute noch die Gedenkstätte Langenstein - Zwieberge. Das Lager war für 2000 Menschen geplant, jedoch waren tatsächlich ständig ca. 5000 Menschen dort eingesperrt. Diese Menschen kamen aus 17 verschiedenen Ländern, u. a. der Sowjetunion, Frankreich, Polen, Belgien, Spanien. Das Konzentrationslager galt als Todeskommando und die Rückkehr der Häftlinge war nicht erwünscht. Neben dem eigentlichen Rüstungsprojekt „Malachit“ wurden für die Junkerswerke und dem Kruppkonzern weitere unterirdische Anlagen in den Klusbergen begonnen.

„Vernichtung durch Arbeit“                                                                                                                                                                   Die Funktion des Konzentrationslagers bestand darin, dass mit den geringsten Kosten die größtmöglichste Arbeitsleistung erzielt werden sollten. Für die Konzerne bedeutete dies Maximalprofit. Die deutsche Wehrmacht wollte mit diesem Projekt die Weiterführung des Krieges gewährleisten. Bei den Arbeiten in den Stollen gab es nicht den geringsten Arbeitsschutz. Verschüttungen, Quetschungen und der Tod der Häftlinge waren an der Tagesordnung. Täglich mussten die Häftlinge ihre Toten und Verwundeten vom Stollen ins Lager transportieren. Hinzu kam, dass sie permanent unterernährt waren. Gefährlicher als die Arbeitsbedingungen waren jedoch die Zivilangestellten, die Vorarbeiter. Nach dem ihnen die SS freie Hand  gab:  „ Prügelt sie nur, und wenn ihr tausend totschlagt, dann macht das nichts, ihr kriegt tausend andere!“, erwiesen sie sich als wahre Sadisten. Die Meister erhielten ihre Bezahlung in Abhängigkeit von der Leistung der Arbeit der Häftlinge. So handelten sie dann auch. Sie prügelten mit Schaufeln, Spitzhacken und Hämmern. 730 000 Quadratmeter Stollengrundflächen wurden unter diesen Bedingungen gebaut. Im Lager selbst gab es die verschiedensten Repressionen. Dazu zählten die „Kleinen Strafen“, wie „zwei Tage Essenentzug“, „an den Pfahl binden“, der Pfahl war mit Stacheldraht umwickelt und die Prügelstrafe. Hinzu kam die regelmäßig stattfindenden Erhängungen an der „Todeskiefer“.

Verweigerung und Widerstand                                                                                                                                                          In denen Reflexionen über das Konzentrationslager finden sich die üblichen Entschuldigungsstrategien. Da gibt es die Bürger und Bürgerinnen von Halberstadt und Langenstein, die gerade in dem Augenblick, als die Häftlinge an ihnen vorbeimarschieren mussten, ihre Lebensmittel fallen ließen. Eine Tatsache, die durch nichts zu belegen ist.* Noch nach der Befreiung des Lagers wurden die Häftlinge von Teilen der Bevölkerung verhöhnt und verspottet.

Widerstand leisteten die Häftlinge. Im Zuge der Umgestaltung der Gedenkstätte nach 1989 wird dieser Aspekt immer mehr in den Hintergrund gerückt. Den Widerstand selber muss mensch natürlich auf die konkret historische Situation beziehen. In dem Konzentrationslager wurden viele verwaltungstechnische Funktionen auf die Häftlinge übertragen, die so genannte Selbstverwaltung des Lagers. Die politischen Häftlinge konnten diese Funktionen besetzen, so z. b. der liberale polnische Arzt Julian Reklinski oder Hans Neupert (KPD) als Lagerältester. Unter den gegebenen Umständen versuchten sie, die größten Grausamkeiten abzumildern und die Solidarität unter den Häftlingen zu organisieren. Andere Häftlinge, wie der sowjetische Oberst Andre Smirnow wurde hingerichtet. Er hatte sich geweigert an der Erhängung von Häftlingen teilzunehmen. Unter den Zivilangestellten gab es eine Ausnahme, das war der Dachdeckermeister Bosse. Er verhielt sich, im Rahmen des pervertierten Gesamtsystems, gegenüber den Häftlingen korrekt. Aber gerade er kann nicht das Alibi, für das so genannte bessere Deutschland bieten. Er bewies lediglich, das selbst diejenigen, die in den faschistischen Organisationen waren, für das was taten oder eben auch nicht taten, selbst verantwortlich waren.

Das Ende des Lagers                                                                                                                                                                        Die Häftlinge befürchteten, das die Faschisten sie in dem Stollen lebendig begraben würden. Ihnen war bewusst, dass sie als „Mitwisser“ getötet werden sollten. Am 8.April 1945 kam es zu einem gezielten Luftangriff der amerikanischen Streitkräfte auf Halberstadt. Für die Häftlinge, die noch zum Laufen fähig waren, begann die Evakuierung, Diese führte über mehrere Routen über Quedlinburg, Aschersleben, Köthen, Bitterfeld, Prettin, Wittenberg bis in die Nähe von Buro und Zieko bei Coswig. Andere mussten in Richtung Magdeburg marschieren. Von den 3000 Häftlingen, die evakuiert wurden, wurden 2500 von den begleitenden Wachmannschaften ermordet. Im Lager selber wurden mindestens 1990 Menschen umgebracht.

Am 11. April 1945 wurde das Lager von den amerikanischen Soldaten befreit.(1)

Die meisten der Vorarbeiter und der SS Begleitmannschaften konnten nach dem Krieg in der BRD untertauchen. Nicht ein einziger wurde zur Verantwortung gezogen. Die Mehrzahl der beteiligten Firmen existieren heute noch.

1.Die Zahlenangaben sind verschieden. Die Zahlen, die noch zu DDR Zeiten veröffentlicht wurden, sind höher als die, welche jetzt veröffentlicht werden.

Die Grundlage für die Erarbeitung des Textes sind folgende Broschüren:

Mahn- und Gedenkstätte Langenstein Zwieberge, Kreis Halberstadt, Hrsg.Gedenkstätte 1987

Konrad Hager, Protokoll des Unbegreiflichen, Hrsg Gedenkstätte, nach 1989

Die Kraft im Unglück, Erinnerungen an Langenstein Zwieberge, Hrsg.Gedenkstätte, nach 1989

* Mit den Worten „ Ein Unglück ist gewiss, Herr Pfarrer!... Die Amerikaner haben das KZ-Lager eindeckt und geöffnet. Es muss unbedingt jemand von unserer Gemeinde dorthin gehen. Die amerikanischen Truppen sind wild vor Empörung. Wir müssen versuchen, sie zu beschwichtigen ...”, wandte sich die Krankenschwester von Langenstein am 13.04.45 an den Pfarrer. Sich vorher, um die zurückgelassenen kranken Häftlinge zu kümmern, hatten sie nicht für notwendig erachtet.  Statt der erwarteten Massenerschießung durch die Amerikaner und der Rache der Häftlinge wurden der Pfarrer und die Krankenschwester einen Tag später beauftragt, Lebensmittel für das Lager zu beschaffen. „Als wir die Bergkante hinter uns gelassen und wieder allein waren, kniff die Schwester fröhlich ein Auge zu, suchte in ihrer Schürzentasche und brachte eine Schachtel „Luky Strike“ hervor. Dann reichte sie mir die Hand und wir sprangen geradezu einige Meter dahin, wie zwei übermütige Kinder, die eine gute Nachricht zu überbringen hatten. Gut, daß uns niemand weiter sah. Es müßte ein merkwürdiger Anblick gewesen sein, die Schwester in ihrer Tracht und der tanzende Pastor im Gehrock. ...“ so die deutsche Reflexion in Konrad Hager, Protokoll des Unbegreiflichen, Hrsg Mahn- und Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge

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