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Magdeburg und der Deutsche Faschismus Hitler kam, sah und siegte, so könnte mensch kurz gefasst den Diskurs der bürgerlichen Klasse zusammenfassen. Der große Verführer hätte das Gute Deutsche Volk zu seinen Untaten animiert. Dieses Herangehen findet in Teilen der Antifaszene seine Umkehrung in der These, der Faschismus wäre die Offenbarung des Wesens eines an sich durch und durch bösen Volkes. Was diesen Diskurs vereint, ist die Negierung von individuellen Handlungen und Verantwortlichkeiten. Die Geschichte ist jedoch anders. Wir wollen an einigen ausgewählten Beispielen die Entwicklung des Faschismus andeuten. Die Stadt Magdeburg und der Deutsche Faschismus Hitler kam, sah und siegte, so könnte mensch kurz gefasst den Diskurs der bürgerlichen Klasse zusammenfassen. Der große Verführer hätte das Gute Deutsche Volk zu seinen Untaten animiert. Dieses Herangehen findet in Teilen der Antifaszene seine Umkehrung in der These, der Faschismus wäre die Offenbarung des Wesens eines an sich durch und durch bösen Volkes. Was diesen Diskurs vereint, ist die Negierung von individuellen Handlungen und Verantwortlichkeiten. Die Geschichte ist jedoch anders. Wir wollen an einigen ausgewählten Beispielen die Entwicklung des Faschismus andeuten.
In der Stadt Magdeburg gab es schon einen sehr frühen Bezug zum deutschen Faschismus. Der Magdeburger Fabrikant Franz Seldte gründete am 25. Dezember 1918 den „Stahlhelm“, Bund der Frontsoldaten, dessen Bundesführer er wurde. Der „Stahlhelm“ war eine gegenrevolutionäre, antidemokratische und antirepublikanische Organisation und eine der unmittelbaren Vorläufer der faschistischen Organisationen. 1931 gehörte Seldte, gemeinsam mit Alfred Hugenberg und Adolf Hitler, zu den Mitbegründern der "Harzburger Front". Seldte trat der DNVP bei und wurde Mitglied des Magdeburger Stadtrates. Im ersten Kabinett unter Hitler wurde er Reichsarbeitsminister. Er versuchte Anfang 1933 die maßgeblich vom „Stahlhelm“ gestützte Kampffront Schwarz-Weiß-Rot zu einer bestimmenden politischen Kraft auszubauen. Dieses misslang durch die Konkurrenz zwischen dem nationalkonservativen und dem nationalsozialistischen Lager im Faschismus. Trotzdem blieb Seldte bis zum Ende des Faschismus in der Reichsregierung tätig. Unter anderem war er SA-Obergruppenführer und später Reichskommissar für den „Freiwilligen“ Arbeitsdienst. Die Gründung der Weimarer Republik erfolgte durch ein Bündnis der damaligen SPD mit den gegenrevolutionären militaristischen Vereinigungen wie „Stahlhelm“ und den Freikorps. Da die reguläre Reichswehr sich nach dem 1.Weltkrieg in Auflösung befand, wurden aus den reaktionärsten Teilen der Wehrmacht Freiwilligenverbände gegründet. Diese waren dem damaligen sozialdemokratischen Reichswehrminister Noske direkt unterstellt.
Trotz der Wahl zur Nationalversammlung in Weimar am 19. Januar 1919 bestanden die Soldaten- und Arbeiterräte weiter. Neben der Selbstverwaltung war der Gedanke der Sozialisierung der Wirtschaft das verbindende Element dieser Bewegung. Während der „Januaraufstand“ in Berlin unter andern durch die Hinrichtung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg recht bekannt ist, ist die nachfolgende konterrevolutionäre Phase die sich bis ca. Juni 1919 hinzieht, weniger öffentlich. Um die Herrschaft der bürgerlichen Klasse als auch der Alten – Junker, Pfaffen und Adligen - zu sichern, ließ die SPD die Soldaten- und Arbeiterräte ermorden und beseitigen. Als Mittel dazu dienten ihr die Freikorps. Unmittelbar aus den Freikorps entstanden die ersten faschistischen Organisationen.
In Magdeburg wurden am 6. 4. 1919 der Vorsitzende und zwei weitere Angehörige des Magdeburger Soldatenrates verhaftet. KPD und SPD riefen daraufhin für den 7. 4. zu einer Kundgebung auf dem Domplatz und zum Generalstreik auf. Am Abend stürmten bewaffnete Arbeiter die Zitadelle und die Waffenmagazine. In der Nacht kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Die reaktionären Militärbehörden verhängten den Belagerungszustand. In der Nacht vom 8.19. 4. rückten 9000 Mann des berüchtigten Freiwilligen Landjägerkorps unter Maercker ein, die zuvor den Streik in Halle blutig niedergeschlagen hatten. Der Belagerungszustand verschärfte sich, die Hauptpost wurde zum Stützpunkt der Reaktion. Dennoch beteiligten sich Tausende Magdeburger am 9. 4. an der Arbeiterkundgebung auf dem Domplatz. Als nach Beendigung der Kundgebung die Arbeiter auseinandergingen, wurden sie aus dem Hof des Regierungsgebäudes beschossen. Die daraufhin in den Häusern Schutz suchenden Demonstranten wurden durch die Maercker-Truppen von der Hauptpost mit Maschinengewehren beschossen. Dabei wurden Otto Appenrout, Gustav Engelhardt, Walter Flemig, Walter Haase, Otto Jahns, Alwine Kieler, Wilhelm Knoche, Johann Ludwig, Friedrich Metten und Adalbert Walczak ermordet. In Folge dieser Ereignisse wurden auch in Magdeburg die Soldaten - und Arbeiterräte aufgelöst. (1)
Eine wichtige Vorraussetzung für das Agieren der Faschisten in der Weimarer Republik war die Finanzierung durch die Wirtschaft. Ein Beispiel dafür ist die Magdeburger Fabrikant Polte. Polte begann 1889 mit 25 Arbeitern Gewehrmunition zu produzieren. 1914 beschäftigte Polte schon 4000 Arbeiter. Im Verlaufe der Materialschlachten des ersten Weltkrieges wuchs der Bedarf an Artillerie- und Infanteriemunition ins Unermessliche, und die Beschäftigtenzahl stieg rapide. 1916 wurden im Poltewerk bereits 14 000 Werktätige, vor allem Frauen, ausgebeutet. 1918 wurden 13700 Arbeiter auf die Straße geworfen. Im Betrieb blieben 300. Freiherr von GiIlern und Dr. Martin Nathusius, späterer Ratsherr und NS-Wirtschaftsführer, berührte der Ausgang des Krieges wenig. Sie hatten Millionen Mark an den Toten des imperialistischen Krieges verdient. Als die Schwarze Reichswehr begann, für Hitler die Kader der zukünftigen Aggressionsarmee auszubilden, ging das "Geschäft" weiter. Der Poltekonzern wurde als einziger deutscher Betrieb für die Herstellung von Infanteriemunition zugelassen. Die Beschäftigtenzahl wuchs erneut an. 1927 gab es wieder 2700 Beschäftigte im Werk, 1932 waren es 2100 und 1938 3300 Beschäftigte. 1912 betrug das Stammkapital 6 Millionen Mark, 1937 wurden allein für Investierungen 18331349 Mark, davon 13 Millionen für die Modernisierung der Patronenfabrikation im Hauptwerk, ausgegeben. Der Poltekonzern besaß nunmehr 30000 Belegschaftsmitglieder. Zusätzlich mussten 5000 KZ-Häftlinge, die im Nebenlager des KZ Buchenwald in der ehemaligen Poltestraße in Magdeburg interniert waren, im Werk arbeiten. In einem Bericht an das Reichskriegsministerium vom 18. April 1937 wird zugegeben, daß 1936 bereits 5446976 Mark mehr Profit durch Wehrmachtsaufträge aus den Arbeitern herausgepreßt wurden, als die Aktionäre erwartet hatten. Allein das Hauptwerk Polte in Magdeburg konnte 1936 einen Gewinn aus Wehrmachtsaufträgen von 20 115118 Mark registrieren. (2) Alfred Nathusius war auch Aufsichtsratsvorsitzender der Aktiengesellschaft C. Louis Strube, Magdeburg-Buckau. Die bei weitem überwiegende Mehrheit des Aktienkapitals befand sich in den Händen der von Gillern und Nathusius. Im Aufsichtsrat dieser Gesellschaft saß auch der Bankdirektor Klein von der Deutschen Bank. So besaßen die Rüstungsfabrikanten Hitlers eine ausgezeichnete Verbindung zur Hochfinanz. Hans Nathusius war auch SS-Sturmführer. Er schreckte vor keiner Gewalttat zurück, lieferte unliebsame Arbeiter an die Gestapo aus und ließ KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Juden, die im Poltewerk ( zu DDR Zeiten Karl-Marx-Werk) arbeiten mußten, erschießen. Nach 1945 setzte sich der Kriegsverbrecher Hans Nathusius in die damalige BRD ab. Er lebte in Göttingen weiter als Unternehmer. Magdeburg war einer der vier Standorte der BRABAG (Abkürzung für Braunkohle-Benzin Aktiengesellschaft). Sie war eine Pflichtgemeinschaft der Braunkohlenindustrie während des Dritten Reiches. Im Jahre 1933 wurde zwischen der I.G. Farbenindustrie AG und dem Deutschen Reich ein so genannter Benzinvertrag abgeschlossen. In Folge dessen schlossen sich im Jahre 1934 zehn Unternehmen zur BRABAG zusammen. Die BRABAG wurde bedeutendster Treibstoffhersteller im Deutschen Reich und beschäftigte dazu unter anderem 13.000 KZ-Häftlinge in sechs Außenlagern. In Magdeburg mussten Zwangsarbeiter für die BRABAG Schutzbunker errichten.
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Menschen leisteten Widerstand gegen den Faschismus. Die Tatsache das insgesamt nicht einmal 2 % der Bevölkerung am Widerstand teilnahmen – solche Zahlen sind natürlich Schätzungen, bringen aber eine Tendenz zum Ausdruck – sollten uns nicht daran hindern, sie zu benennen. Es geht dabei nicht darum, Belege für ein besseres Deutschland zu finden. Diese Menschen bewiesen, daß auch unter den extremsten Bedingungen mensch selbst für sein eigenes Handeln verantwortlich ist. Sowohl aus der Stadt Magdeburg als auch deren Umland wurden ca. 70 Menschen auf Grund ihrer politischen Aktivitäten hingerichtet, in einem Konzentrationslager interniert oder in das berüchtigte Strafbataillon 999 eingezogen. Stellvertretend seien zwei Bürger erwähnt: Fritz Rödel, geb. 18. 4. 1888, Porzellandreher, war nach 1910 Mitglied der SPD, schloß sich während des ersten Weltkrieges der Spartakusgruppe an. Nach der faschistischen Machtübernahme organisierte er zahlreiche illegale Komitees der Roten Hilfe Deutschland zur Unterstützung der Angehörigen verhafteter Antifaschisten. Im Juni 1933 wurde er verhaftet und zu 2 1/2 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er beteiligte sich nach der Haftentlassung erneut gemeinsam mit anderen Widerstandskämpfer/innen an der Organisierung des antifaschistischen Widerstandskampfes in den Großbetrieben. Am 24. 7. 1944 wurde er wieder verhaftet, am 5. 2. 1945 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. (3) Martin Schwantes wurde am 20. 8. 1904 geboren. Er wurde am 5. 2. 1945 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Er war Lehrer. Ihm gelang es, eine Widerstandsgruppe in Magdeburg aufzubauen. In ihr waren sowohl Sozialdemokraten/innen, Kommunisten/innen als auch parteilose organisiert. Durch sie wurden Zeitungen verbreitet und sie verfügten über einen Sender. Im Jahre 1944 wurden 23 Menschen aus dieser Gruppe verhaftet, unter ihnen sehr viele Lehrer/innen. (4) In Magdeburg gab und gibt es einige Orte der Erinnerung. Am August-Bebel-Damm/Heinrichsberger Straße (Nordseite der Baracke) befand sich ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Die Häftlinge wurden unter unmenschlichen Lebensbedingungen gezwungen, mit primitivsten Arbeitsgeräten für den faschistischen Rüstungskonzern BRABAG (1)Schutzbunker anzulegen. 1944/45 befanden sich hier etwa 1500, meist jüdische, Häftlinge. Etwa 90 % der Häftlinge wurden tot oder schwerkrank wieder in das Stammlager zurückgebracht, was für die Kranken ebenfalls ihren Tod bedeutete. An der Steubenallee befindet sich ein Ehrenmal. Der Bildhauer Eberhard Roßdeutscher schuf dieses Ehrenmal, gewidmet den von den Nazis ermordeten 62 Kämpfern gegen den Faschismus aus der Stadt Magdeburg. Im Nordpark gab es den sowjetischen Ehrenfriedhof. Hier wurden 1347 sowjetische Bürger und Bürgerinnen beerdigt. Sie waren überwiegend Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter/innen. Auf dem Westfriedhof wurden die Urnen von 29 ermordeten Häftlingen des Außenlagers «Polte-Werke» des KZ Buchenwald beerdigt. Am 13. 4. 1945 wurden 3000 Häftlinge, in dem faschistischen Rüstungskonzern Polte-Werke AG (2) zur Arbeit gepreßt, auf Evakuierungstransporte getrieben. Im Stadion Neue Welt kamen sie in den Beschuß der sich nähernden Truppen der westlichen Alliierten. Als sie Schutz suchen wollten, wurden sie von der SS- Wachmannschaft niedergeschossen. Desweiteren befinden sich auf diesem Friedhof die Gräber von antifaschistischen Widerstandskämpfern, insbesondere aus dem kommunistischen Widerstand. (5)
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1. Bis 1989 befand sich an der ehemaligen Hauptpost ( Breiter Weg) eine Gedenktafel, die an diese Ereignis erinnerte. 2. Zum Poltekonzern gehörten neben dem alten und dem neuen Werk in Magdeburg folgende Betriebe: Grüneberger Metallgesellschaft m.b.H., Grüneberg/Nordbahn; Metallwerk Wolfenbüttel G.m.b.H., Wolfenbüttel; Metallwerk Odertal G.m.b.H., Odertal; Silva-Metallwerke G.m.b.H., Magdeburg-Neustadt, Genthin, Duderstadt und Arnstadt; Pollux - Werke, Ludwigshafen. 3. Bis 1989 gab es für ihn eine Gedenktafel -Klosterkamp 1- im damaligen VEB «7. Oktober». 4. In der DDR gab es in Magdeburg eine Martin – Schwantes - Schule in der Braunschweiger Straße. 5. unter anderem Reinbold Julius, der am 1. 5. 1935 auf dem Sportplatz in Fermersleben die rote Fahne hisste und am 31. 7. 1937 in Plötzensee hingerichtet wurde; Heinrich Reichel, geb. 1. 10. 1901, nach der faschistischen Machtübernahme viele Jahre als Beauftragter des ZK der KPD im antifaschistischen Widerstandskampf in Deutschland tätig, von den niederländischen Behörden interniert, der Gestapo übergeben, am 22. 7. 1943 in Plötzensee hingerichtet; Hubert Materlik, geb. 8. 7. 1895, im Juli 1944 wegen seiner aktiven antifaschistischen Tätigkeit zum zweiten Mal verhaftet, wählte er nach grausamen Mißhandlungen den Freitod; ferner die Mitglieder der KPD im Bezirk Magdeburg: Martin Schwantes, geb. 20. 8. 1904, Hermann Danz., geb. 18. 10. 1906, Fritz Rädel, geb. 18. 4. 1888, Johannes Schellheimer, geb. 18. 2. 1899. Sie wurden im Sommer 1944 verhaftet und gemeinsam am 5. 2. 1945 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet.
Martin Schwantes, geboren am 20. August 1904 in Drengfurt (Ostpreußen), Lehrer, wohnhaft in Magdeburg, Wittenberger Str. 19, im Widerstand, am 9. Juli 1944 verhaftet, zum Tode verurteilt und im Zuchthaus Brandenburg am 5. Februar 1945 hingerichtet. ... Was wissen wir von ihm? Martin Schwantes ist der älteste Sohn des Uhrmachers Hermann Schwantes und seiner Frau Anna. Nach der Geburt der Geschwister Siegfried (1905) und Annelotte (1907) zieht die Familie 1908 nach Gommern bei Magdeburg und verlebt bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges unbeschwerte Jahre. Nachdem sich der Vater freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat, sorgt die Mutter allein für die Familie. Es ist eine entbehrungsreiche und Kräfte zehrende Zeit. Im Jahr 1918 kehrt der Vater zurück, schwer verwundet .... Im gleichen Jahr beendet Martin die Volksschule und hat den Wunsch, Lehrer zu werden. Die Eltern ermöglichen ihm - trotz großer finanzieller Sorgen - den Besuch der Präparandenanstalt und des Lehrerseminars in Quedlinburg. Schwantes ist sehr belesen, schreibt kleine Gedichte und schließt sich der Quedlinburger Poetengemeinschaft “Johannes” an. Diese gibt unter anderem eine Publikation mit Zeichnungen von ihm heraus. 1924 schließt der 20jährige das Lehrerseminar als einer der besten seines Jahrgangs ab. Dennoch bekommt er keine Anstellung. Um nicht als “untätiger Schmarotzer” seinen Eltern auf der Tasche zu liegen, beschließt er, sein Glück in Amerika zu versuchen. Er begibt sich als Kohlentrimmer auf ein Passagier-Schiff. Dort muss er körperlich schwer arbeiten, um die Kosten für die Überfahrt zu begleichen. Optimistisch und unbekümmert, wie er ist, denkt er, er könne sich in Amerika seinen Lebensunterhalt durch eigener Hände Arbeit verdienen. Aber um eine feste Anstellung bemüht er sich vergeblich. So nimmt er jede Gelegenheitsarbeit an, wechselt oft die Stelle und versucht sich in 14 verschiedenen Berufen. Mühsam verdient er so das Geld für seinen Lebensunterhalt. Er ist froh, wenn es auch für Bücher reicht, denn sein Wissensdurst ist nach wie vor groß. Dieser USA-Aufenthalt wird prägend für sein Leben. Er erlebt ein großes reiches Land, in dem doch so viele Menschen in Not und Armut leben. Und er erlebt selbst Elend und Hoffnungslosigkeit. Das wird seine politische Einstellung zukünftig bestimmen. Nach zwei Jahren Aufenthalt in der Fremde sehnt er sich nach Hause. So kehrt er nach Deutschland zurück. Dort findet er endlich auch eine Anstellung als Lehrer. Zunächst wird er in Gommern Hilfslehrer und unterrichtet unter anderem Englisch. Im April 1927 wechselt er nach Magdeburg. Er wird als Lehrer “an den hiesigen Volks- und Mittelschulen, bis auf weiteres jederzeit widerruflich” eingestellt. Das bedeutet, dass er immer wieder die Schule wechseln muss. So unterrichtet er beispielsweise an der Sudenburger Sammelschule (Braunschweiger Straße), an der Neustädter 2. Sammelschule (Stendaler Straße) und an der Altstädter Sammelschule (Röttgerstraße). Eine Schülerin erinnert sich, dass er schnell das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler gewann. Seine freundliche Art ermutigte sie, gut und gern zu lernen. Außerhalb der beruflichen Arbeit wendet sich Martin Schwantes immer mehr der Politik zu. 1928 wird er Mitglied der KPD. Zwei Jahre später wird er in die KPD-Bezirksleitung Magdeburg-Anhalt gewählt und wird 1932 Sekretär für Agitation und Propaganda. Er schreibt Artikel für die “Tribüne”, das Blatt der Bezirksorganisation, unter dem Kürzel “que”, und wird zu einem bekannten und geachteten Parteiredner für Magdeburg und Umgebung. Aktuell und verständlich redet er, heißt es. In den Schulferien ist er auf Reisen im In- und Ausland. Er kommt nach England, Schweden und Holland. Das erweitert sein Weltbild und schenkt ihm neue Erkenntnisse. 1930 fährt er mit einer Delegation der Freien Lehrergewerkschaft in der Sowjetunion. Davon ist er besonders beeindruckt. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 sieht Schwantes als den Weg Deutschlands in die Katastrophe an. Sie wird aber auch für ihn persönlich zu einem Weg in Illegalität, Verfolgung und schließlich in den Tod. Zuerst wird er als aktives Mitglied der KPD zum 30. April 1933 aus dem Schuldienst entlassen. Seine politische Arbeit führt er jedoch illegal weiter, was immer schwieriger und gefährlicher wird.Im Januar 1934 verhaftet ihn die Gestapo in Erfurt. Er wird in den Gefängnissen von Erfurt und Halle gefoltert und misshandelt. Vergeblich versucht man ihn zum Verrat an Genossen zu verleiten. Im August 1934 wird er wegen “Hochverrats” zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Er verbüßt die Haftzeit zunächst in Wehlheide bei Kassel, später in Herford und Berlin-Plötzensee, ohne Tätigkeit und ohne irgendeine Arbeit. Nach Ablauf der Haftzeit verschleppt ihn die Gestapo zur “Schutzhaft” in das KZ Sachsenhausen. Dort versucht er, gemeinsam mit anderen politischen Häftlingen, den Widerstand. Er wird zum Blockältesten gewählt und nimmt dadurch eine gewisse Vertrauensstellung ein. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, als 1940 die Bombenangriffe auf Berlin beginnen, setzt man Häftlinge zum Bombenentschärfen ein. Schwantes meldet sich freiwillig zu diesem “Himmelfahrtskommando”, weil sich ihm dadurch eine Möglichkeit bietet, aus dem KZ heraus zu kommen. Im Februar 1941 wird er entlassen, mit der Auflage allerdings, jegliche illegale Tätigkeit zu unterlassen. Täglich muss er sich bei der Polizei melden. Berufliche Möglichkeiten vermitteln ihm zwei Jugendfreunde in der Gommeraner Schuhfabrik. Zunächst ist er Lagerverwalter, dann Verkaufs- und Versandleiter. Dort kann er Geschäftsreisen mit erneuter illegaler Tätigkeit verbinden. Dazu hat er Kontakt zu Magdeburger Genossen aufgenommen, zur Widerstandsgruppe um Hermann Danz, zu der unter anderem auch Hubert Materlik, Fritz Rödel und Hans Schellheimer gehören. Schwantes hat die Aufgabe, die Verbindung zu Berliner Genossen herzustellen, wo sein ehemaliger Blockkamerad aus Sachsenhausen, Franz Jakob, gemeinsam mit Bernhard Bästlein, Anton Saefkow und anderen eine Widerstandsgruppe aufgebaut hat. Die Gruppen sollen miteinander vernetzt werden. Auf einer seiner “Geschäftsreisen” lernt Martin Schwantes seine zukünftige Frau kennen, die 21jährige Gisela. Sie treffen sich häufiger, auch zu Wanderungen im Harz, und bald beschließen sie zu heiraten. Zunächst stellen sich ihre Eltern quer, aber schließlich heiraten Martin und Gisela Schwantes im Januar 1944 in Wolfenbüttel. Es beginnt eine kurze, sehr glückliche Zeit, jedoch unter ständiger Bedrohung. Sie endet am 9. Juli 1944. Da wird Martin Schwantes auf dem Weg zu einem illegalen Treff in Berlin auf dem Potsdamer Bahnhof von der Gestapo verhaftet, wenig später die anderen Magdeburger Mitstreiter. Er wird wie Hermann Danz, Hans Schellheimer und Fritz Rödel am 1. November 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Seine junge Frau darf ihn noch einmal besuchen - er erlebt sie mutig und tapfer und dankt ihr dafür in einem der letzten Briefe. Ein Zellengenosse sagt später von ihm: “Ich werde diesen anständigen, hoch gebildeten Mann von wahrhaft vornehmem, ausgeglichenem Charakter mit seiner ruhigen, freundlichen Wesensart und seiner vorbildlich männlichen Haltung im Angesicht des Todes unter dem Fallbeil nicht vergessen”. Am 5. Februar 1945 wird an ihm das Todesurteil im Zuchthaus Brandenburg-Görden vollstreckt. Quellen: Magdeburger Biographisches Lexikon, “...damit die Freiheit lebt”, hg. Meissner/Bursian/Kahmann; Archiv der Familie Schwantes; Recherchen von Ingrid Theune Martin Schwantes Foto Rosa-Luxemburg-Stiftun
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